Wohlbefinden an Schulen

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Wohlbefinden an Schulen

Das Wohlbefinden an deutschen Schulen hat einen großen Einfluss auf das Umfeld der Schüler. Laut einer aktuellen Erhebung des Statista Research Department gaben 13% aller befragten Kinder und Jugendlichen zwischen 9-14 Jahren an, dass ihr schulisches Wohlbefinden eher schlecht oder sogar sehr schlecht ist. Das entspricht in absoluten Zahlen 1,43 Millionen Schülerinnen und Schülern, die sich in der Schule unwohl fühlen (Statista, 2021).

Das Wohlbefinden von Schüler*innen als pädagogischer Forschungsgegenstand wurde lange Zeit als irrelevant und unwissenschaftlich abgetan. Oftmals schwingt ein Beigeschmack von Luxus, Feierabend und Wellness mit, weshalb die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Thematik zum einen umstritten ist.  Teils sogar noch unzureichend erforscht ist.

Was bedeutet (schulisches) Wohlbefinden?

Der Begriff „Wohlbefinden“ ist im wissenschaftlichen Kontext nicht klar definiert, sondern variiert je nach Forschungsschwerpunkt und Betrachtungsweise verschiedener Studien (Scheying, 2015).

Daher sind nachfolgende Umschreibungen eher als Hypothesen und Systematisierungen zu betrachten.
Im Allgemeinen ist das Wohlbefinden an Lebensbereiche geknüpft, die von Individuen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten unterschiedlich wahrgenommen werden. Hier entscheiden situative Bedingungen, Persönlichkeitsfaktoren und die Wechselwirkung zwischen der eigenen Person und der Umwelt gleichermaßen. Vorallem wie hoch oder niedrig das individuelle Wohlbefinden ist. Die Interpretation der Umwelt ist ebenfalls von der individuellen Wahrnehmung verschiedener Umstände abhängig.

Wie sich das Wohlbefinden eines Lebensbereiches auf das eines anderen auswirkt und dieses beeinflusst ist nicht ausreichend erforscht.

Im Folgenden wird daher ausschließlich der Lebensbereich Schule betrachtet.

Wohlbefinden im schulischen Umfeld

Wohlbefinden meint im schulischen Kontext nicht, wie oft vorschnell angenommen wird, eine reine „Spaß-Schule“ zu implementieren. Es hat nichts mit „Wellness“ oder „Luxus“ zu tun. Vielmehr ist es ein Ansatz, die Schule gezielt lern- und leistungsfördernd zu gestalten. Dabei wird ein Gefühlszustand angestrebt, bei dem überwiegend positive Emotionen und Kognitionen gegenüber der Schule auf institutioneller sowie persönlicher Ebene bestehen und über negative Emotionen und Kognitionen dominieren. Hierbei sind das Wohlbefinden der Schüler*innen und das der Lehrer*innen gleichermaßen wichtig für ein langfristig positiveres Lern- und Lehrumfeld.

Laut des renommierten Pädagogikprofessors Helmut Fend setzt sich das Wohlbefinden im schulischen Umfeld aus sechs Komponenten, positiven wie negativen, zusammen:

  • Positive Emotionen und Kognitionen gegenüber der Schule werden erzeugt und bleiben nachhaltig bestehen. Beispielsweise verstehen Schülerinnen und Schüler, dass die Schule sinnvoll ist.

  • Die Freude an der Schule wird z.B. durch positive Erlebnisse gestärkt.

  • Schulisches Selbstbewusstsein, also das Vertrauen in das eigene Können und ein positives Zugehörigkeitsgefühl werden gestärkt.

  • Soziale Probleme in der Schule innerhalb der Schülerschaft ebenso wie zwischen Schüler*in und Lehrkraft treten auf.

  • Sorgen und Probleme wegen der Schule, z.B. Leistungsdruck und Angst vor schlechten Noten, stellen eine Belastung dar.

  • Körperliche Beschwerden wegen der Schule wie Schlafstörungen, Bauch- oder Kopfschmerzen treten auf. (Fend, 2004)

Es ist allerdings anzumerken, dass ein geringes Maß an Unannehmlichkeiten notwendig und unumstößlich ist. Die Schule kann als Bildungsinstitution funktionieren. So müssen sich Schüler*innen beispielsweise mit Themen auseinandersetzen, die nicht unbedingt ihren Interessen entsprechen. Ebenso müssen durch Benotung die individuellen Leistungen vergleichbar gemacht und bewertet werden. Dies fördert zwar einerseits das Unwohlbefinden Einzelner, etabliert andererseits auch die Institution Schule.

 

Warum ist die Betrachtung des

Wohlbefindens wichtig?

Schüler*innen verbringen einen wesentlichen Teil ihrer Kindheit und Jugend in der Schule. Da ist es doch gerechtfertigt und erstrebenswert, dass sich alle möglichst wohl fühlen sollten. Das ist aber noch nicht alles.

Laut der letzten PISA-Erhebungen haben mehr als 50% der deutschen Schüler*innen Angst vor Test und Prüfungen (OECD, PISA-Studie, 2018). 1,43 Millionen Lernende fühlen sich nach eigener Aussage in der Schule nicht wohl. Die schulische Leistungsmotivation liegt in Deutschland unterm OECD-Durchschnitt (OECD, 2018).

Warum sollte uns das alamieren?

Die Schulzeit ist, auch unabhängig des erheblichen Zeitumfangs, prägend und entscheidet über den weiteren Werdegang der Schüler*innen. Sowohl über die berufliche Zukunft wie auch die Persönlichkeitsentwicklung. Ein niedriges Wohlbefinden während dieser Zeit spricht für eine geringe Lebensqualität. Lernende finden eventuell keinen persönlichen Zugang zur Schule. Zum Lernen und erleben beides als psychisch und physisch belastend. Das wirkt sich negativ auf beispielsweise die Leistungsmotivation und die pädagogische Wirksamkeit von Lehrkräften aus. Langfristig kann ein niedriges Wohlbefinden zu psychosomatischen Belastungen führen, soziale Integration wird erschwert.

Bildung bedeutet nicht nur das Vermitteln von Fach- und Sachkompetenzen, sondern hat auch den Anspruch, den Schüler*innen zu helfen, eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln, und sie sozial zu integrieren. Das kann nur in einem Umfeld erreicht werden, auf das sich die Schüler*innen einlassen können, indem sie sich geborgen, sicher, wohl fühlen.

Mit zunehmendem Anpassungs- oder Leistungsdruck wird die Schule zum Meidungskontext. Abgelehnt, ausgegrenzt, ignoriert oder nicht gesehen zu werden sind belastende Erfahrungen, die Individuen nachhaltig schädigen können.

Durch ein hohes Wohlbefinden kann eine emotionale Basis geschaffen werden, die eine erfolgreiche Aufgabenbewältigung in der Schule wie im Leben ermöglicht.

 

teamwork

Die Schüler-Lehrer-Beziehung

Ein wesentlicher, und nebenbei der am besten erforschte, Faktor zum allgemeinen schulischen Wohlbefinden konnte im Verhältnis zwischen Lernenden und der Lehrkraft verortet werden. Anhand der LiFE-Studie von Helmut Fend kann der Wandel dieser pädagogischen Beziehung über einen Zeitraum von ca. 30 Jahren nachvollzogen werden.

Diese Generationenstudie zur Bedeutung von Erziehungserfahrungen, Bildungsverläufen und Entwicklungsprozessen für eine erfolgreiche Lebensbewältigung vergleicht Umfrageergebnisse der selben Fragen der 12- bis 16-Jährigen in den 1970ern mit denen Gleichaltriger Schüler*innen von 2012 (Turgetto, 2021).

Es liegt ein besonderer Fokus auf der Veränderung der pädagogischen Beziehung von Schüler*in zu Lehrer*in, sowie der allgemeinen Befindlichkeit und der Leistungsbereitschaft der Kinder.

Während Demütigung einzelner Schüler*innen, die Sichtbarmachung ihrer Fehler oder Inkompetenz, vor 30 Jahren noch als erziehungspädagogisches Mittel zum Zweck galt, ist der Unterricht heutzutage schülerzugewandter und selbstwertschonender, der Umgang seitens der Lehrkräfte mit den Lernenden respektvoller. Schüler*innen erleben keine Abwertung aufgrund schlechter Leistungen (Fend & Berger, Ist die Schule humaner geworden?, 2016).

Auf der anderen Seite sind eine zurückgegangene Leistungsbereitschaft und Motivation der Schüler*innen, ein Autoritätsverlust, sowie eine generelle Abnahme von Anstand und Respekt gegenüber Lehrpersonen und Eltern zu beobachten, wenn man die Umfrageergebnisse von 2012 und den 1970ern vergleicht. Dies kann unter anderem als mögliche Folge oder Konsequenz des liberaleren Unterrichts verstanden werden.

Laut Eigenaussage der Schüler*innen hat die Schuldisziplin ebenfalls nachgelassen. 30% der Schüler*innen gaben im Rahmen der PISA-Studie an, dass sie den Unterricht regelmäßig als chaotisch und „Drunter und Drüber“ wahrnehmen (OECD, 2012).

Das Schwinden autoritärer Beziehungen innerhalb der jüngeren Generation zeichnet sich auch in anderen Lebensbereichen ab. So wandelt sich beispielsweise die „Befehlsfamilie“, in der Kinder den Zukunftsvisionen ihrer Eltern zu folgen haben, zunehmend zu einer „Verhandlungsfamilie“ der Selbstverwirklichung.

Wege zu einem höheren Wohlbefinden

Es gilt bei der Umsetzung eines gestärkten Wohlbefindens zu verstehen, dass Lernerfolg und emotionale Unterstützung keine Gegensätze sind, sondern voneinander abhängig sind.

Wichtig ist ein pädagogischer Konsens innerhalb der Schulleitung und der Lehrerschaft. Nur wenn Einigkeit über die Ziele besteht, können Maßnahmen zu ihrer Umsetzung erfolgreich und einheitlich erarbeitet und umgesetzt werden, einige davon beschränken sich auf die Optimierung von Verhaltensweisen oder Unterrichtsgestaltung, andere bedürfen einer gutdurchdachten Eingliederung in das System Schule.

Auch hier ist anzumerken, dass die bisherigen Ergebnisse der Wohlbefindensforschung nicht ausreichen, um universell wirksame, zu verallgemeinernde oder zweifelsfrei richtige, zielführende Maßnahmen zu benennen, die das schulische Wohlbefinden steigern.

Expertinnen und Experten sind sich in zahlreichen Belangen uneinig. Um einige Diskussionsbeispiele zu nennen, gibt es Unstimmigkeiten darüber, ob das Schulfach „Glück“ das Wohlfühlen positiv beeinflussen kann, oder wie mit Inklusionsklassen verfahren werden soll, die zwar die soziale Integration zum Besseren, das Wohlbefinden der förderbedürftigen Kinder jedoch zum Schlechteren wenden.

Ein erster Anhaltspunkt sollten die Lehrkräfte sein. In ihrer Rolle als Autorität, Vorbild und Wissensvermittler haben sie die Möglichkeit, die Schule hin von einer reinen „Paukanstalt“ hin zu einem sozialen Lern- und Lebensraum zu gestalten.

Ein gesundes Vertrauensklima

Die Schule als übergeordnetes System hat die Macht zu beeinflussen, ob sie von Schülerinnen und Schülern als unangenehm, angsteinflößend, langweilig erlebt wird. Der institutionelle Rahmen setzt jedoch auch Grenzen im Handeln der Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie der Einzelschule.

Beide sollten sich eher als „Schatzsucher statt als Fehlerfahnder“ verstehen. Das bedeutet, dass es, um das schulische Wohlbefinden zu stärken, nicht ausreicht, negative Gefühle, Emotionen, Kognitionen auszugrenzen. Vielmehr sollte aus bisherigen Fehlern gelernt werden, merklich positive Faktoren herausgefiltert werden. Wie lässt sich beispielsweise das weniger autoritäre Verhältnis zwischen Lehrkraft und Lernenden von respektlos, dreist und laut zu engagiert, konstruktiv, sozial lenken?
Mit dem zuvor beschriebenen schülerzugewandten lässt sich der Fokus auf die Individualität der Schülerinnen und Schüler in ihrem Lernverhalten lenken.

Ziel aller Bestrebungen sollte es sein, Schülerinnen und Schülern in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken und dafür zu sorgen, dass sie sich als nützliches Mitglied einer Gemeinschaft fühlen. Dazu ist die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler ein wichtiges Element. Lehrerinnen und Lehrer setzen auf eine individuelle, faire Behandlung ihrer Schülerinnen und Schüler und sind auch über schulische Themen hinaus ansprechbar. Ein Vertrauensklima wird geschaffen. Wie die LiFE-Studie gezeigt hat, geht der Trend hier in die richtige Richtung.

Besteht ein gesundes Vertrauensklima, führt dies tendenziell auch zu einem stabileren Klassenverband, welcher wiederum in schwierigen Einzelfällen, wenn die Handlungsmöglichkeiten der Lehrkraft erschöpft sind, eine kompensatorische Wirkung haben kann. Dem bekannten Stereotyp des aufmüpfigen „Problemschülers“ kann so entgegengewirkt werden, indem er sich als prosoziales Mitglied der Klassen- und Schulgemeinschaft innerhalb eines geschützten Lebensraumes wahrnimmt.

Eine stabile Teamstruktur innerhalb des Kollegiums ist ebenfalls wichtig. Wenn sich der Lehrberuf mehr von vielen Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfern hin zu einem gut vernetzten, sozialen Team entwickelt, das in regelmäßigem, engen Austausch steht, wird es möglich, die Schüler*innen fächerübergreifend besser beim Lernen zu begleiten und ihnen das Lernen zu erleichtern.

 

Fazit

Leider sind noch nicht genügend handfeste Forschungs- und Studienergebnisse zu verzeichnen, um erfolgreiche Maßnahmen zur Verbesserung des Wohlbefindens zu gewährleisten.

Die Wohlbefindensforschung sollte in ihrer Wichtigkeit und in ihrem Potenzial nicht unterschätzt werden. Wer sie als nichtig abtut, hat den Bildungsauftrag und die Funktion der Schule nicht verstanden. Denn es geht dabei ebenso um Identitätsbildung, Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung wie um das Erlangen von Qualifikationen, Kompetenzen und Legitimation. Wer sich in einem Lebensbereich unwohl fühlt, lehnt diesen ab und verschließt sich womöglich ganz dafür. Wie soll dann der Bildungsauftrag erfolgreich erfüllt werden können?

Für Lehrer*innen ist es empfehlenswert, sich zunächst innerhalb ihrer Klassengemeinschaft um ein höheres Wohlbefinden zu bemühen. Die Vielfalt der Schülerschaft bietet zahlreiche Möglichkeiten. Verschiedene Perspektiven, Ansichten, Hintergründe der Schüler*innen bieten die Chance, nicht nur miteinander sondern auch voneinander zu lernen. Durch unterschiedliche Arbeitsweisen im Unterricht, wie Projekt- oder Gruppenarbeit, kann die Dynamik der Klasse verbessert werden, und sie langfristig zu einer Gemeinschaft machen.
Die Priorität der Lehrer*innen sollte noch gezielter bei den Schüler*innen in ihrer Individualität liegen. Dabei ist die Leistung, Motivation, Lernerfolg und, natürlich, das Wohlbefinden jeder einzelnen Person zu achten.

Bei Misserfolg, Ideenlosigkeit oder sonstigem kann und sollte unbedingt auf Hilfe von geschulten Expert*innen zurückgegriffen werden, bevor sich Muster und Strukturen, die das Wohlbefinden negativ beeinflussen, verfestigen.
Hier können Sozialpädagog*innen, Schulsozialarbeiter*innen sowie Beratungs- und Vertrauenslehrkräfte unterstützen.

Freundlicher und respektvoller Umgang muss zur Selbstverständlichkeit werden, damit Fortschritte zu einem besseren Lern- und Arbeitsplatz gemacht werden können. Schüler*innen werden nicht nur als gesehen Lernende, sondern als Menschen.

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