Mobbing in Schule und Klassenzimmer – Als Lehrkraft richtig handeln.

Jeder kennt es. Jeder hat es schon erlebt. Dennoch tritt Mobbingverhalten seit Generationen immer wieder auf und gehört zum stillschweigend akzeptierten Handlungsrepertoire vom Kindergarten bis zum Großkonzern. Die Methoden reichen von permanenten Sticheleien bis zu körperlichen Übergriffen. Das Ergebnis sind kleine Wunden, sich steigernde Aggressionen oder ein Suizid. Jeder kann Opfer sein oder zum Täter werden. Viele sind Mitwisser. 
Es lastet ein zunehmender Druck auf der Gesellschaft, den Familien, jedem einzelnen. Im schulischen Rahmen treffen Gegensätze aufeinander. Lehrer*innen sind Teil der Konfrontation und sehen sich gleichzeitig in der Pflicht, neben der inhaltlichen Vermittlung von Wissen auszugleichen und zu vermitteln. Lösungen können durch systemische Ansätze gefunden werden.

Tatort Schule?

Kindheit gilt als geschützte Zeit. Sie wird verbunden mit Sicherheit, Wärme, Zuwendung und Bildung. Das Wachsen wird begleitet. Den Eltern zur Seite stehen Kindergarten und Schule. Spätestens seit der Jahrhundertwende um 1900 wird Kindheit kritisch betrachtet. Dem Umfeld werden problematische Faktoren zugeschrieben, die Heranwachsende belasten, die bis ins Erwachsenenleben hineinwirken, im schlimmsten Fall zu Persönlichkeitsstörungen oder sogar zum Suizid führen können. 

Schulen haben sich im Zuge dieser Sensibilisierung verändert. Aus den reinen Bildungsanstalten, bei denen die Wissensvermittlung als Einpauken und Disziplinierung im Mittelpunkt stand, wurden sie zu Orten lebendigen, ganzheitlichen Lernens, bei dem der/die Einzelne mit seinen/ihren Fähigkeiten gesehen wird oder werden sollte, denn Schule ist immer Spiegel der Gesellschaft. Nehmen die Konfrontationen hier zu, zeigt sich das auch in den Klassenzimmern. Kindheit kann nicht losgelöst von ihrer Zeit und ihrem Umfeld betrachtet werden. Sie existiert ebenso wie das schulische Leben nicht isoliert, sondern muss im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Zustände gesehen werden.

Nehmen Auseinandersetzungen im Umfeld zu, steigt der Druck im schulischen Bezugsbereich, wird der Ton zwischen den Kindern rauer. Lehrer*innen müssen sich dieser Herausforderung stellen und Lösungsansätze finden, die Bullying verhindern. Das beginnt bereits in der Grundschule und setzt sich bis zum Abitur fort. Sensibilisierung wird zum Teil des sozialen Lernens, der mindestens ebenso wichtig ist wie die Vermittlung von Faktenwissen.

Sozialverhalten jenseits der Norm

Während Andre Kleuter von einer konstruierten Täter-Opfer-Situation ausgeht und zumindest in der Arbeitswelt einen Mobbing-Mythos vermutet (1), sehen Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen sich in der Realität mit vielen Fällen konfrontiert, die sich eindeutig als Mobbingstrategien beschreiben lassen und ganze Gruppen von Kindern und Jugendlichen in ihrer Dynamik strukturieren können. Dabei werden unbewusst und bewusst verschiedene Praktiken angewandt, die zur Isolierung eines/einer Einzelnen führen. 

Diese Vereinzelung sollte immer als Warnsignal gesehen werden. Sie ist ein entscheidendes Kriterium beim Erkennen von Mobbingsituationen. Lehrer*innen sind in besonderer Weise aufgerufen, Gruppendynamiken, -strukturierungen und -konstellationen zu beobachten und systemisch zu begleiten. Das können sie meist nur im Unterricht, denn in den Pausen, auf dem Schulweg, in der Freizeit sind sie in der Regel nicht dabei. Fällt es auf, dass sich ein/eine Heranwachsende/r zurückzieht, sich nicht am Unterrichtsgeschehen beteiligt oder in irgendeiner Weise respektlos behandelt wird, ist Achtsamkeit gefragt. 

Übergriffigkeit ist ein weiteres Kriterium. Sie kann sich auf verschiedenen Ebenen abspielen und verbal vom Unterbrechen und Nicht-aussprechen-Lassen über die Verächtlichmachung bis zur Beschimpfung reichen, mit Tätlichkeiten wie Anrempeln oder Schlagen verbunden sein, mit dem Verstecken und Zerstören von persönlichen Gegenständen verbunden werden oder sich im Cybermobbing äußern. 

Prävention und Intervention

Über die weitreichenden Konsequenzen ihrer Handlungsweisen sind sich Kinder und Jugendliche nur bedingt im Klaren. Hier sind systemische Ansätze und der Mut zum klaren „Nein“ gefragt. Werden die Heranwachsenden allein gelassen, kann sich in der Klasse keine Kultur des achtsamen Umgangs und der sensiblen Auseinandersetzung bilden. 
Konflikte entstehen. Sie gehören zum Zusammenleben dazu. Es geht nicht darum, sie zu negieren oder grundsätzlich in einem Konsens aufzulösen. Es geht darum, ein Klima gegenseitiger Akzeptanz zu schaffen, in dem sich alle wohlfühlen können. 

Kein Schulstandort ist vor Gewalt geschützt. Sie kann überall auftreten und ist auch nicht pauschal mit sozialem Status zu verknüpfen. Psychische und physische Gewalt taucht an renommierten Internaten ebenso auf wie in Brennpunktgebieten. Die Äußerungen können jeweils andere sein, vor allem ist es meist der Umgang. In besseren Stadtteilen sieht man oft von einer Prävention ab: Man will nicht problematisieren, es gäbe keine Ansätze von Gewalt und Bullying. Doch es trifft auch Gymnasien. Darum ist Prävention ein wichtiges Thema, dem sich jede Lehrkraft stellen sollte, bevor Interventionen notwendig sind.(2)

Werden psychische und physische Gewalt im Kollegium und der Elternschaft erst thematisiert, wenn es bereits zu Vorfällen gekommen ist, sind die Herausforderungen deutlich größer. Jetzt muss eine Intervention rasch erfolgen. Diese kann nicht nur in einem Abstrafen der Täter*innen bestehen. Hier muss von allen genau hingeschaut und differenziert werden. 

Früherkennung bietet Handlungsspielraum

Je eher Tendenzen erkannt werden, desto schneller kann man handeln. Präventiv ist es wichtig, dass die Lehrkräfte sensibilisiert und offen für das Thema sind. Dabei geht es nicht darum, Programmpunkte abzuhaken, sondern den Lernort und die beteiligten Gruppen systemisch zu begreifen und aufeinander zu beziehen. Der systemische Ansatz ermöglicht eine frühe Etablierung gewaltpräventiver Mechanismen. Dazu gehören:

  • gegenseitige Achtung und Respekt
  • das Etablieren einer Streitkultur
  • die klare Ablehnung jeder Art von Gewalt
  • der achtsame Umgang mit individuellen Besonderheiten.

Auffällig ist, dass gerade, wo Elternschaft und Lehrer*innen besonders engagiert sind, ein Tunnelblick auftreten kann: „Bei uns gibt es das nicht.“ Damit werden Chancen eines offenen Umgangs vergeben. Voraussetzung für sinnvolle und erfolgreiche Präventivarbeit sind zunächst Offenheit und das Anerkennen, dass Konflikte im Zusammensein von Menschen immer entstehen sowie die Akzeptanz, dass es Unterschiede im Aussehen, Verhalten, den Leistungen und der sozialen Herkunft real gibt. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wie geht man damit in der Klasse und im Gesamtkontext um? (3)

Das Klassenklima als Indikator

Herrscht in der Klasse ein freundlicher Umgangston oder werden verbal, vielleicht sogar handgreiflich Konkurrenzkämpfe ausgetragen? Als Lehrkraft sollte man dabei sowohl die Situation im Unterricht als auch vorab und danach im Auge haben. Wird der Klassenraum bereits in Anwesenheit der Lehrer*in / des Lehrers zum Schlachtfeld, kann sich das in den Pausen auf dem Schulhof potenzieren. Dabei gilt es aufmerksam zu differenzieren: Stehen sich Cliquen gegenüber oder wird ein einzelnes Kind zum Opfer? 

Ein wichtiger Punkt ist das eigene Verhalten der/des Lehrenden. Setzt man sich autoritär über die Schüler*innen hinweg, unterbricht man sie oder erlaubt sich erniedrigende Bemerkungen, dann hat das Vorbildcharakter. Ist man um Ausgleich und zielführende Lösungen bemüht, gibt man Heranwachsenden ein Beispiel im Umgang mit konträren Meinungen und schafft eine Haltung echter Toleranz. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede zu nivellieren, sondern um Konsensbildung und das Anerkennen einer dynamischen Entwicklung mit Fortschritten und Rückschlägen. Teile davon sind der Umgang mit Fehlern, das Aufbauen fairer Wettbewerbssituationen, ein realitätsbewusster Umgang mit sozialen Fragen unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes der Kinder und ein konsequentes Ablehnen von Gewalt.

Solidarisches Miteinander versus Frontenbildung

Der Begriff des solidarischen Verhaltens etabliert sich in der Gesellschaft neu. Das narzisstische Modell wird vielfach kritisiert. Solidarisches Verhalten setzt Auseinandersetzung und Einigung innerhalb der Klassengruppe voraus. Grundschüler*innen, aber auch Lernende der oberen Klassenstufen brauchen dabei Unterstützung. Diese Hilfe kann von den Lehrer*innen kommen, sollte aber auch von Außenstehenden angenommen werden. Gerade Situationen, die durch eine soziale Ausgrenzung zustande kommen, sind innerhalb der systemischen Zusammenhänge schwer zu managen. 

Mit von außen kommenden Fremden fällt Präventionsarbeit leichter, lassen sich Konflikte besser evaluieren und können Vereinbarungen leichter installiert werden. Um Prozesse zu erkennen, ist ein Blick von außen sinnvoll. 

Lehrende erleben sich oft unfreiwillig als Teil von Ausgrenzungsmechanismen. Sie bieten Bullys eine Vorlage, wenn sie bestimmte Kinder negativ beurteilen oder sogar, wenn sie einem Kind helfen wollen und strafende Maßnahmen ergreifen. Nicht selten führt das erst recht zu einer Stigmatisierung. Durchbrochen werden kann ein solches Verhalten nur durch die Arbeit mit der gesamten Gruppe und durch die mentale Stärkung des einzelnen Individuums. Dazu gehört es auch, die Gruppenkonstellation und ihre Dynamik zu verstehen, um Ansätze zur Veränderung zu finden und verbindliche Vereinbarungen miteinander zu treffen.

Konflikte begreifen, einordnen, verstehen und gemeinsam lösen

Kinder entdecken während ihres Heranwachsens ihr Ich und suchen nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Das beginnt in der Familie, setzt sich in der Kita-Gruppe und in der schulischen Ausbildung fort. Diese Entwicklung erfolgt nicht linear harmonisch. Sie ist von vielen Faktoren abhängig, die sich wiederum nicht generalisieren lassen. 

Bestimmte Phasen gelten als besonders sensitiv. Dazu zählen die Einschulung, Schulwechsel und der Übergang in die oberen Klassenstufen. Gerade in der Zeit der Pubertät befinden sich Heranwachsende in einer physischen und psychischen Ausnahmesituation, die außerdem noch durch Herausforderungen wie Berufswahl und Abschlussprüfungen belastet wird. 

In dieser Zeit kommt es vermehrt zu Konflikten. Diese werden sowohl im Elternhaus als auch im schulischen Bereich ausgetragen. Jugendliche reagieren besonders empfindlich auf hämische Bemerkungen über ihr Äußeres, soziale Ausgrenzung, Herabsetzungen.
Haben Schüler*innen das Glück, weitestgehend ohne größere Problematiken aufzuwachsen, fällt es leichter, Konfliktlösungsstrategien zu erarbeiten. Sie haben bereits bestimmte Fähigkeiten erworben, agieren zielorientiert, empathisch und deutlich selbstsicherer.

Ist das Umfeld jedoch stark belastet, erleben Jugendliche ihre Umwelt als feindlich, fühlen sie sich nicht angenommen und ist das Vertrauensverhältnis zu ihren Bezugspersonen bereits gestört, wird es erheblich schwerer, gewalt- und mobbingfreie Strukturen zu entwickeln und zu etablieren. Wird ein Konflikt losgelöst von anderen Faktoren betrachtet, kann keine nachhaltige Lösung gefunden werden. Ziel muss es sein, Mobbingverhalten generell als nicht tragbar zu kennzeichnen, sodass jede/r Einzelne und die Gruppe als Ganzes sich dagegen wehren.(4)

Streitkultur entwickeln

Langfristig sinnvoll und nachhaltig ist es, gemeinsam durchgängig an einer Streitkultur und einem gewaltfreien Umgang zu arbeiten. Dabei sollten Lehrende, Schüler*innen und Eltern gemeinsam interagieren. Ist das Schulklima vom Gedanken des gemeinsamen, respektvollen und friedlichen Lernens und Lebens geprägt, wirkt das präventiv gegen Mobbingstrategien. 

Dazu beitragen können 

  • Evaluierung des Unterrichts, Fortbildung und Supervisionsangebote aufseiten der Lehrenden
  • aktive Einbeziehung der Eltern und Förderung des Austauschs zwischen Lehrenden und Eltern sowie der Eltern untereinander durch entsprechende Angebote
  • Stärkung des Vertrauensverhältnisses zwischen Schüler*innen und Lehrenden
  • respektvoller Umgang als Konsens
  • Unterstützung in allen schulischen Bereichen durch individuelle Förderung und Arbeit in außerschulischen Gruppen wie Arbeits- und Sportgemeinschaften.

Die gemeinsame Arbeit an gewaltfreien Kommunikationsformen hilft beim Austragen von Meinungsverschiedenheiten und bei der Schlichtung von Streit. Das kann sowohl im fachlichen Unterrichtsgespräch trainiert werden als auch in allen außerunterrichtlichen Bereichen. Gemeinsamkeiten sollten gefestigt, gemeinsame Regeln für alle verbindlich beschlossen werden, ohne dass legitime Rechte des/der Einzelnen angegriffen werden.

Was tun bei Mobbing?

Geht es einem Kind nicht gut, muss gehandelt werden. Dabei ist es irrelevant, ob es sich um eine klassische Mobbingsituation mit Gruppenunterstützung handelt und wie lange sie bereits anhält. Generell sollten Erwachsene bei Attacken gegen Kinder und Jugendliche achtsam reagieren. Wichtig sind folgende Punkte im akuten Verdachtsfall:

  • 1. Zunächst gilt es, den Kontakt zum Kind, das angegriffen wird, herzustellen; auch bei Ablehnung sollte das Kind besonders im eigenen Blickfeld bleiben.
  • 2. Das Gespräch im Kollegium sollte gesucht werden: Ist auch anderen etwas aufgefallen? Gibt es weitere Hinweise?
  • 3. Bei Aggressionen sollte man einschreiten und den Attackierenden auf die Situation bezogen zurechtweisen. Doch Achtung: Manchmal wehrt ein Kind sich und man trifft den Falschen. Genaues Beobachten und der Situation entsprechende Reaktionen sind wichtig, Schuldzuweisungen sollten zunächst unterbleiben. Klärungen erfolgen im Gespräch.
  • 4. Gibt es bereits Klassenregeln, ist in Einzelgesprächen auf diese zu verweisen. Ein Tribunal sollte man vermeiden.
  • 5. Der Opferstatus sollte nicht zementiert werden. Mitleid ist keine Empathie. Dem gemobbten Kind ist damit in keiner Weise gedient.
  • 6. Es sollte nichts hinter dem Rücken des gemobbten Kindes entschieden werden. Wichtig ist, dass das Kind sich akzeptiert und ernstgenommen fühlt. Es ist kein „Opfer“ und hat auch nicht als „Loser“ versagt. Bestätigt man es in dieser Rolle, wird es weder Ich-Stärke noch Resilienz entwickeln und auch der Gruppe ist nicht gedient.
  • 7. Gruppendynamisches Arbeiten bezieht alle ein und wirkt nachhaltig präventiv.
  • 8. Bewegen sich die Attacken im strafrechtlichen Bereich, ist in Absprache mit dem Kind, der Schulleitung und den Eltern dagegen vorzugehen – das betrifft Erpressung, Erniedrigung, Cybermobbing, körperliche Gewalt, das Wegnehmen oder Zerstören von Eigentum.

Umfassende Hilfe im Ernstfall: Intervention ist für alle wichtig!

Es kann in jedem Bereich zu Mobbingversuchen kommen. Je schneller reagiert wird, desto leichter lässt sich die Situation bewältigen. Lehrer*innen befinden sich oft in einem Konflikt: Reagieren sie zu schnell, wirft man ihnen Hysterie vor. Reagieren sie zu langsam, übersehen sie womöglich etwas und es entsteht ein Klima der Gewalt, das ganze Schulen beherrschen kann.

Den Umgang mit latenter und aktiver Gewalt in der verbalen und nonverbalen Kommunikation kann man lernen. Daran sollten jedoch alle beteiligt werden. Systemische Ansätze, die Lehrende und Lernende sowie das Umfeld einbeziehen, wirken sich nachhaltig günstig auf die Entwicklung der Gemeinschaft und jedes Einzelnen aus. Sie helfen, ein von Respekt und Anerkennung getragenes Klima aufzubauen, in dem sich alle angenommen fühlen.

(1) Kleuter, Andre: Täter oder Opfer, das ist nicht die Frage. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2018, S. 17 ff.

(2) Jannan, Mustafa: Gewaltprävention an Schulen. Planen – umsetzen – verankern. Weinheim – Basel, Beltz Verlag 2012, S. 9; S. 14 f.

(3) Herrmann, Peter: Eckpunkte einer systemisch-lösungsorientierten Pädagogik. In: Zeitschrift für systemische Therapie und Betreuung, Jg. 30/4. Dortmund, Verlag modernes Lernen 2012, S. 145 f.

(4) Schubarth, Wilfried: Gewalt und Mobbing an Schulen. Stuttgart, W. Kohlhammer 2020 (4. Auflage), S. 98 ff.